Transformation braucht privates Kapital

Am 15. Januar diskutierten hochkarätige Gäste auf der Fin.Connect.NRW-Jahreskonferenz Wege aus der Investitionsflaute: Wie kann die aktuelle Investitionszurückhaltung beendet und mehr privates Kapital zur Finanzierung der Transformation von Industrie und Mittelstand nach NRW geholt werden?

Ihre Einschätzungen und Lösungsvorschläge zu der Schlüsselfrage in der aktuellen Standortdiskussion stellten die Wirtschaftsweise Prof. Monika Grimm, EIB-Vizepräsidentin Nicola Beer, NRW-Wirtschaftsministerin Mona Neubaur und Dr. Daniel Koch vom weltweit sechsgrößten Chemieunternehmen LyondellBasell vor. Über einhundert Vertretern aus Wirtschaft, Finanzwirtschaft und Wissenschaft waren der Einladung zur Fin.Connect.NRW-Jahreskonferenz in den Räumen der Bundesbank Düsseldorf gefolgt

Zentrales Fazit: Wir müssen die negative Grundstimmung abschütteln, die weiterhin starken Standortvorteile nutzen und über die Erfolgsbeispiele kommunizieren. Ein Beispiel: Entgegen allen Unkenrufen investiert LyondellBasell aktuell in NRW am Standort Wesseling rd. 300 Mio. EUR in eine chemische Recyclinganlage für Kunststoffe. Eine technologische Innovation mit Signalwirkung in der Chemieindustrie, ein Meilenstein von der linearen zur Kreislaufwirtschaft, der sich auch rechnet, und eine der größten Industrie-Investition in der Geschichte des Landes NRW.   

Was ist für die Transformation notwendig?

Die Transformationsherausforderungen für den Industriestandort NRW sind groß: Neben Klimaneutralität und Digitalisierung stehen vor allem massive Investitionen in Infrastruktur, Technologie und Geschäftsmodelle an. Allein das jährliche Investitionsvolumen in Nordrhein-Westfalen wird auf rund 100 Mrd. Euro geschätzt, was die Bedeutung von Kapitalmobilisierung für Unternehmen und öffentliche Hand unterstreicht.

Mit seinem Wort des Jahres „Investitionen“ leitete Martin Knobbe (stellvertretender Chefredakteur, Handelsblatt) den Abend als Moderator ein. Er machte deutlich, dass die aktive Gestaltung von Finanzierungsprozessen und Rahmenbedingungen für Investitionen ein zentrales Element erfolgreicher Transformationsstrategien ist.

Herausforderungen und finanzpolitische Perspektive

Vertreter der Deutschen Bundesbank betonten, dass Nachhaltigkeit und Transformation zu den drängenden wirtschaftspolitischen Themen gehören. Die Geldpolitik könne zwar nicht direkt investieren, trage jedoch die Verantwortung, stabile Rahmenbedingungen zu schaffen, in denen private Investoren Vertrauen fassen und Risiken kalkulierbar bleiben.

Öffentliche und private Hand in der Verantwortung

NRW-Wirtschaftsministerin Mona Neubaur hob hervor, dass die Mobilisierung von Kapital nur gelinge, wenn öffentliche und private Investitionen sinnvoll kombiniert werden. Um insbesondere kleinen und mittleren Unternehmen (KMU) den Zugang zu Finanzierungen zu erleichtern, erwähnte sie neue, voll digitalisierte Kreditangebote der NRW.BANK und hob dabei auch die Bedeutung von Fin.Connect.NRW hervor. Ziel sei es, bürokratische Hürden abzubauen und dauerhafte Investitions-Sicherheit über viele Jahre zu gewährleisten und Planungssicherheit zu schaffen.

Strukturwandel im Fokus

In ihrem Beitrag analysierte Prof. Veronika Grimm wirtschaftliche Rahmenbedingungen: Während der Dienstleistungssektor wachse, schwäche sich die industrielle Wertschöpfung ab. Für die technologische Transformation – insbesondere im Bereich Hightech – sei mehr strategische Ausrichtung und eine starke, international wettbewerbsfähige Industrie notwendig. Zudem identifizierte sie Energieeffizienz, regulatorische Flexibilität und pragmatische Innovationspolitik als wichtige Bausteine für Investitionsentscheidungen.

Europäische Impulse für Transformationsfinanzierung

Die Vizepräsidentin der  Europäischen Investitionsbank (EIB), Nicola Beer, brachte europäische Perspektiven ein. Sie betonte, dass jedes einzelne Transformationsprojekt zählt und dass NRW als starke Region mit klaren Prioritäten Richtungswirkung entfalten könne. Ohne private Risikokapitalbeteiligung seien viele Zukunftsinvestitionen nicht realisierbar. Innovative Finanzierungsinstrumente wie der TechEU Booster oder Konzepte zur Hebelung von Kapitalmärkten können dabei zusätzliche Investitionsvolumina mobilisieren.

Praxisbeispiele aus der Industrie

Am Beispiel von LyondellBasell zeigte Dr. Daniel Koch die unternehmerische Perspektive: Der Aufbau einer Recycling-Anlage in Wesseling mit einem Investitionsvolumen von über 300 Mio. Euro macht deutlich, dass Transformationsprojekte oft langjährige Planung, Förderung und klare Rahmenbedingungen benötigen. Gleichzeitig zeige diese Investitionen, dass Europa, Deutschland und konkret NRW unter bestimmten Bedingungen international durchaus wettbewerbsfähig ist. 

Paneldiskussion: Rahmenbedingungen statt Planwirtschaft

In der abschließenden Paneldiskussion wurde die Bedeutung effizienter Rahmenbedingungen betont. Themen waren unter anderem die Notwendigkeit, Regulatorik zu flexibilisieren, starke Leitmärkte zu setzen und intelligente Kooperationen auf nationaler und internationaler Ebene zu fördern. Insbesondere Energiekosten, regulatorische Hürden bei Wasserstofftechnologien sowie die internationale Wettbewerbsfähigkeit standen im Mittelpunkt.

Ausblick und Vernetzung

Die Veranstaltung endete mit einem Ausblick auf die Aktivitäten von Fin.Connect.NRW im Jahr 2026 von ZENIT-Geschäftsführer Jürgen Schnitzmeier beim Networking, bei dem Akteurinnen und Akteure aus Finanz- und Realwirtschaft miteinander ins Gespräch kamen.


Ihre Ansprechpartnerinnen und Ansprechpartner

Fin.Connect.NRW wird getragen vom Institut der deutschen Wirtschaft (IW)IHK NRW e. V. und der ZENIT GmbH. Ziel der Initiative ist die Vernetzung von Finanz- und Realwirtschaft in Nordrhein-Westfalen sowie die Unterstützung von Unternehmen – insbesondere KMU – bei der Finanzierung ihrer Transformationsprojekte.

Beitrag Handelsblatt zur Veranstaltung (16. Januar 2026)
Strukturwandel: Woher kommt das Geld für den grünen Umbau?


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