Aktuelles von Zenit


Im kleinen baden-württembergischen Metzingen passiert gerade Großes. 1,4 Milliarden US-Dollar hat die dort ansässige Neura Robotics kürzlich eingesammelt – mit Auswirkungen auch auf NRW. Gemeinsam mit der RWTH baut das Start-up auf rund 3.000 Quadratmetern das „NEURA Gym RWTH Aachen“, ein Trainingszentrum für Roboter, in das etwa 20 Institute der Hochschule eingebunden werden. Ein zweites Gym steht am Lab Campus der TU München. Foto: AdobeStock, KI-generiert
Metzingen, Landkreis Reutlingen, gut 22.000 Einwohner. Die meisten Menschen fahren dorthin, um Anzüge zu kaufen, die anderswo mehr kosten. Seit Juni fährt man auch aus anderen Gründen hin: Die von Neura Robotics eingeworbenen 1,4 Milliarden US-Dollar bedeuten die größte Finanzierungsrunde, die je ein deutsches Start-up abgeschlossen hat. Auf der Geberliste stehen Nvidia, Amazon, Qualcomm, der Kryptokonzern Tether und die Europäische Investitionsbank, dazwischen deutlich bodenständiger Bosch und Schaeffler. Aber wofür gibt man so viel Geld aus?
Das Nadelöhr der KI-Robotik ist nicht die Mechanik, sondern der Datenmangel. Zum Training von Sprachmodellen für KI wie ChatGPT wird der Inhalt des ganzen Internets herangezogen. Nur hat nie jemand aufgeschrieben, wie sich ein Kabel anfühlt, das sich beim Anfassen verformt, oder wie man eine Kiste greift, die minimal verkantet steht. Ein Henne-Ei-Problem: Ohne Roboter im Einsatz keine Daten, ohne Daten keine intelligenteren Roboter. Wer diesen Kreis zuerst durchbricht, gewinnt. In China wurden 2025 über 15.000 humanoide Roboter gebaut, rund 90 Prozent der Weltproduktion — und der eigentliche Vorsprung daraus ist nicht die Stückzahl, sondern der Datenstrom, der dabei anfällt.
Das Gym ist die europäische Antwort darauf: eine Anlage, in der Bewegungsdaten planmäßig erzeugt statt zufällig eingesammelt werden. Trainiert wird in Aachen unter anderem die robotische Demontage für die Kreislaufwirtschaft und die Interaktion mit Menschen, ausdrücklich auch mit Menschen mit Einschränkungen. Und die Daten bleiben nicht vor Ort. Jedes Gym speist sie in das „Neuraverse“ ein, eine Plattform, von der Neuras gesamte Roboterflotte profitiert — Firmengründer David Reger formuliert es so, dass mit jedem neuen Standort das gesamte Netzwerk klüger werde.
Damit wird auch die Milliardenrunde lesbar. Der größte Investor, Nvidia, ist nicht durch den Verkauf von Grafikkarten groß geworden, sondern durch die Plattform darüber. Vieles spricht dafür, dass Neura dasselbe Muster anstrebt: Kaufentscheidend wird am Ende nicht das Blech, sondern das Robotergehirn sein.
Ob der Zeitplan hält, ist eine andere Frage. Reger nannte der „Financial Times“ 6.000 produzierte Einheiten für dieses Jahr, Zehntausende für das nächste, mehrere Millionen bis 2030. Die Forschung hält dagegen. „Das Geld läuft den Robotern gerade weit voraus“, sagt Tamim Asfour, Sprecher des Robotics Institute Germany. Auf einer Tech-Konferenz tanzte jüngst ein Humanoide beeindruckend neben einem Profitänzer — was das Publikum nicht sah: Die Maschine musste vorher auf die Bühne getragen werden, an der Treppe war sie gescheitert. Zugleich hat in der Siemens-Fabrik Erlangen ein Roboter des britischen Herstellers Humanoid eine komplette Achtstundenschicht durchgehalten, sechzig Behälterbewegungen pro Stunde. Beides stimmt: eng umrissene Aufgaben funktionieren heute schon, der Allzweckhelfer bleibt Prospekt.
Für unsere Betriebe heißt das zweierlei. Erstens: Es eilt nicht. Nur sechs Prozent der von Fraunhofer IPA und VDMA kürzlich befragten Unternehmen erwarten industriellen Einsatz binnen zwei Jahren. Zweitens, und wichtiger: Wenn diese Trainingszentren tatsächlich für Mittelständler offenstehen — und genau damit wirbt die RWTH —, dann gehört eine unromantische Frage auf die Tagesordnung, bevor der erste Termin vereinbart wird: Wem gehört hinterher, was mein Betrieb dem Roboter beigebracht hat? Wer seine Abläufe dort nachbauen lässt, liefert nicht nur einen Testfall, sondern Trainingsmaterial. Das kann trotzdem ein ausgezeichnetes Geschäft sein, weil man Erfahrung ohne Erstinvestition bekommt. Man sollte nur wissen, dass man mit etwas bezahlt, das in der Bilanz nicht auftaucht.