Grüner Wasserstoff: Große Pläne, viele Förderangebote und ein langer Weg

Grüner Wasserstoff: Große Pläne, viele Förderangebote und ein langer Weg

Die Themen Klimawandel und Nachhaltigkeit begleiten den aktuellen Wahlkampf und stehen im Fokus vieler Parteien. Sie alle wollen die besten Konzepte für einen ökologischen Umbau der Wirtschaft haben und meinen damit die Vermeidung von Treibhausgasen und die Ressourcenschonung in den Wertschöpfungsketten. Davon betroffen sind sowohl der Energiesektor als auch die Rohstoffwirtschaft. Die Lösung für den Umbau heißt: grüner Wasserstoff aus erneuerbaren Quellen. Bis dorthin ist es allerdings noch ein weiter Weg, auf den sich auch der nordrhein-westfälische Mittelstand vorbereiten muss. Zahlreiche Förderangebote unterstützen den Prozess. Foto: iStock Petmal

Grüner Wasserstoff scheint in der aktuellen Diskussion alternativloser Energieträger für die Energieversorgung von morgen und die Basischemikalie für organische Roh- und Kunststoffe zu sein.
Ohne die dafür notwendigen neuen Technologien lassen sich die im Juli dieses Jahres im Klimaschutzgesetz NRW verschärften Zwischenziele für 2030 und 2040 sowie vorgezogene Treibhausgasneutralität bis 2045 allerdings nicht erreichen.

Wie groß Handlungsbedarf und Herausforderungen sind, zeigen die Energieverbräuche des ersten Halbjahres 2021.

Die in den ersten sechs Monaten des Jahres verbrauchte Energie (Gas, Öl, Kohle) von etwa 1,72 Billionen Kilowatt­stunden (6.191 Petajoule) stammte nur zu 16,8 % aus erneuerbaren Quellen. Im vergleichsweise windarmen Halbjahr erreichten Stein- und Braunkohle mit zusammen 16,6 % einen etwa gleichhohen Anteil. Der Erdgasanteil erreichte 30,6 %, gefolgt von Mineralöl mit „nur“ 28,6 % in Folge des Corona-bedingt reduzierten Verkehrsaufkommens an Land und in der Luft. Die verbleibenden 7,4 % deckten in erster Linie die sechs Kernkraftwerke, die Ende 2021 und Ende 2022 abgeschaltet werden.

Zukunftsmusik

Mineralöl fließt, abgesehen von einem geringen Heizöl- und noch geringerem Rohstoffanteil, aktuell vor allem als Kraftstoff in die Tanks von Straßen- und Schienenfahrzeugen sowie Schiffen und Flugzeugen. Die Lösung zur Dekarbonisierung heißt für den Straßenverkehr der Zukunft Wasserstoff und Elektromobilität.
Die Industrie wird verstärkt auf Strom und – wo beispielsweise hohe Temperaturen erforderlich sind – auf sogenannte molekulare Energieträger, also Wasserstoff und ggf. synthetische Brennstoffe, setzen. Rohstoffe, besonders mineralischen Ursprungs und Metalle, werden in Kreisläufen wiederverwendet werden oder stammen aus nachwachsenden Quellen.

Die Hälfte des aktuell erzeugten Stroms stammt schon heute aus erneuerbaren Quellen. Weil er aber nicht in nennenswertem Umfang gespeichert werden kann und die Stromerzeugung aus Wind und Sonne schwankt, wird die fehlende Menge mit Strom aus Erdgas und Braunkohle kompensiert. Dekarbonisierung im Stromsektor heißt daher Ausbau der Stromerzeugung aus erneuerbaren Quellen weit über die 100 %-Marke hinaus. Denn nur so kann der Überschussstrom für die Erzeugung von grünem Wasserstoff genutzt werden.

Regional und auch deutschlandweit erzeugter Grünstrom wird aber bei weitem nicht ausreichen, um dem Bedarf von Industrie, Gewerbe und Haushalten zu decken. EU, Bund und Land setzen in ihren Wasserstoffstrategien und -roadmaps auf massive Energie- und Wasserstoffimporte. Deutschland wird Importland bleiben, allerdings mit der positiven Aussicht, zukünftig „nur“ 50 % statt der heute üblichen 70 % importieren zu müssen.

To dos für Wirtschaft, Gesellschaft und Politik

Allein, um die hoch gesteckten Zwischenziele zu erreichen, müssen Gesellschaft, Wirtschaft und öffentliche Hand umgehend damit beginnen, sich mit der Dekarbonisierung auseinanderzusetzten und zu handeln. Konkret heißt dies, dass Kohlenstoff aus fossilen Quellen, also Kohlen, Erdöl und Erdgas, zukünftig weder als Energierohstoff noch für Werkstoffe genutzt werden soll. Handeln heißt für die Energiewirtschaft, Alternativen zu identifizieren und ihre Produkte, Produktionsverfahren und Dienstleistungen anzupassen. Industrie und das Gewerbe müssen dafür entsprechende Technologien und Produkte entwickeln. Für uns alle bedeutet Klimaneutralität ein „Weg“ von gewohntem Verhalten, „Hin“ zur Akzeptanz von neuen Energiesystemen. 

Die Transformation wird von allen politischen Ebenen unterstützt. Fördermittel für Innovationen und Investitionen in allen Branchen für den Import und die Erzeugung, den Transport und die Nutzung von Wasserstoff stehen bereit.

Ausschnitt aus der Förderlandschaft

Die EU fördert die Themen Energie und Mobilität vor allem über ihr Forschungsrahmenprogramm Horizont Europa. Für das Thema Wasserstoff wird die Zusammenarbeit mit der Industrie in der neuen Partnerschaft „Clean Hydrogen“ fortgesetzt. Förderbekanntmachungen dazu werden Ende 2021 erwartet.

Der Bund hat im ersten Halbjahr die finanzielle Unterstützung von 62 IPCEI (Important Projects of Common European Interest)-Projekten beschlossen. Jedes einzelne hat ein Investitionsvolumen von mehr als 10 Mio. Euro. Ziel ist es, die Wasserstofferzeugung, die Infrastrukturen und die Nutzung in der Industrie und Mobilität anzustoßen und den Markthochlauf für Wasserstoff zu beschleunigen.

Auch transnationale Partnerschaften für den Wasserstoffimport wurden und werden in Förderprogrammen vorangetrieben. Die Bundesregierung hat mit der Richtlinie zur Förderung von internationalen Projekten zu grünem Wasserstoff bis 2026 einen Förderrahmen geschaffen, in dem es in sieben Modulen Ausschreibungen gibt. Aktuell können bis zum 5. November 2021 Projektskizzen für grenzüberschreitende EUREKA-Projekte zum Transport von Wasserstoff und damit zusammenhängende technischen Lösungen eingereicht werden. Im Auftrag des Forschungsministeriums werden derzeit z.B. Wasserstoff-Potenziale in Afrika erhoben.

Trotz aller Unterstützung steht schon jetzt fest, dass importierter Wasserstoff zunächst deutlich teurer als konventionelle Energieträger sein wird. Zum Nachteilsausgleich hat der Bund die Stiftung H2Global initiiert und 0,9 Milliarden Euro bereitgestellt. Die Mitte 2021 von 16 Unternehmen gegründete Stiftung soll über eine Handelsplattform ab Mitte 2024 Wasserstoff und Wasserstoffderivate bereitstellen und mit dem Carbon Contracts for Difference (CfD), einem neuen Förderinstrument, die Differenz zu den Marktpreisen ausgleichen. Weitere Unternehmen, die einen Querschnitt der deutschen Wirtschaft repräsentieren sollen und sich an der Stiftung beteiligen wollen, werden gesucht.

Darüber hinaus gibt es vom Forschungs-, dem Wirtschafts- sowie dem Verkehrsministerium in Berlin laufend Förderbekanntmachungen für Forschungs- und Innovationsprojekte zu Wasserstoff und Klimaschutz, zum Beispiel aktuell für die Dekarbonisierung im Schienenverkehr.

Auch das Land NRW fördert Wirtschaft und Kommunen bei der Transformation und informiert darüber im NRW-Klimaschutzportal. Zur Bewältigung der Folgen der COVID-19-Pandemie haben die Europäische Union im Rahmen der Recovery Assistance for Cohesion and the Territories of Europe (REACT-EU)-Initiative und das Land NRW Mittel für die grüne und digitale Transformation bereitgestellt. So können Unternehmen aktuell von einem Zuschuss für die Beschaffung von Fahrzeugen mit elektrischen oder Wasserstoff-Antrieben profitieren.

Die grüne Transformation ist hochdynamisch und betrifft alle Akteure. Im Mittelpunkt stehen die zeitgleiche Schaffung der Rahmenbedingungen durch die Politik mit regulatorischen Eingriffen und finanziellen Unterstützungsmaßnahmen sowie die Umsetzung durch Verwaltung, Kommunen, Industrie und Gewerbe.
Unternehmen wollen verlässliche Rahmenbedingungen, beschleunigte Planungsprozesse und den finanziellen Ausgleich für die anfänglich teurere Technologie und – ganz wichtig – mehr Transparenz insbesondere in der Förderlandschaft.

Gerade zum letzten Punkt begleiten die ZENIT Förderexpertinnen und -experten interessierte Unternehmen und finden gemeinsam mit diesen die passenden Unterstützungsangebote.

Unabhängig von der Förderberatung arbeitet ZENIT an der internationalen Vernetzung der Akteure. So wird im November eine Delegation aus Südfrankreich nach Mülheim reisen, um Kontakte zu nordrhein-westfälischen Unternehmen zu knüpfen, die am Thema Wasserstoff arbeiten.  

Kontakt

Dr. Uwe Birk
Dr. Uwe Birk Dipl.-Ing.
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