Exklusiv: Interview mit Wirtschaftsminister Prof. Andreas Pinkwart

Foto: MWIDE NRW/F. Wiedemeier

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Mit einer forschungs- und gründerfreundlichen Innovationspolitik sowie Landesinitiativen in den Themenfeldern Künstliche Intelligenz, Industrie 4.0 und Cyber-Sicherheit sei NRW gut aufgestellt. Pinkwart erwartet, dass NRW in diesem Jahr mit 120.000 neuen Stellen stärker wachse als der Bundesdurchschnitt. Ein wesentlicher Erfolgsfaktor für eine erfolgreiche Innovationspolitik sei eine engere Verzahnung von Wissenschaft und Wirtschaft. Dabei solle ZENIT künftig eine stärkere Rolle spielen.

NRW liegt zurzeit beim Wirtschaftswachstum im Bundestrend und bei der Beschäftigung sogar darüber. Der aktuelle Konjunkturbericht 2019 deutet jedoch hin auf eine nachlassende Dynamik insbesondere durch ungünstige Entwicklungen im produzierenden Gewerbe. Wie schätzen Sie die aktuellen Entwicklungen ein?

Die wirtschaftliche Entwicklung verliert zwar weiter an Schwung, in Nordrhein-Westfalen sind wir davon aber nicht so stark betroffen, wie der Bund. Nach einer ersten Schätzung lag der Zuwachs des Bruttoinlandsprodukts im vergangenen Jahr hierzulande bei 0,9 Prozent. Für dieses Jahr erwartet das RWI eine Steigerung um 0,7 Prozent. Ein Grund für die schwächeren Prognosen ist, dass das weltwirtschaftliche Umfeld rauer geworden ist: Neben den handelspolitischen Unsicherheiten bestehen weitere Risiken, wie die Gefahr eines ungeregelten Brexits, die Handelskonflikte und die unsichere Haushaltslage Italiens. Einige Signale bleiben immerhin positiv: Es gibt kräftige Zuwächse im Bau und den konsumnahen Dienstleistungen. Auch der Arbeitsmarkt entwickelt sich weiterhin gut. In diesem Jahr entstehen rund 120.000 neue Stellen. Damit nimmt die sozialversicherungspflichtige Beschäftigung in Nordrhein-Westfalen – wie bereits 2018 – stärker zu als im Bund.

Innovationen treiben Wirtschaft und Wissenschaft an. Wo steht der Innovationsstandort NRW im Zeitalter von Digitalisierung und Industrie 4.0? Und was sind die Ziele der Innovationspolitik des Landes?

Wirtschaft und Wissenschaft in Nordrhein-Westfalen verfügen ohne Zweifel über das große Potenzial, auch in Zukunft wichtiger Treiber von Innovationen, Wachstum und Beschäftigung zu sein. Um dieses Potenzial zu entfalten, brauchen wir eine forschungs- und gründerfreundliche Innovationspolitik. Die Landesregierung will Partner und Unterstützer von Innovationen und exzellenter Forschung sein. Ein wesentlicher Erfolgsfaktor wird sein, dass sich Wissenschaft und Wirtschaft eng miteinander verzahnen. Dafür gibt es zahlreiche Initiativen der Landesregierung, wie die Kompetenzplattform für Künstliche Intelligenz KI.NRW, das Spitzencluster it’s OWL zum Themenfeld Industrie 4.0 und das Kompetenznetzwerk Cyber-Sicherheit in der Wirtschaft. Ziel ist, die Leistungsfähigkeit und Innovationsstärke der industriellen Wertschöpfungsketten zu steigern und sie mit Hilfe der Digitalisierung zukunftsfest zu gestalten. Auch wollen wir eine führende Rolle als Energieland Nr. 1 einnehmen und die Wirtschaft mit den anspruchsvollen Klimazielen in Einklang bringen. Um diese Aufgaben gemeinsam mit Industriepartnern und wissenschaftlichen Partnern anzugehen, haben wir die Initiative IN4climate.NRW ins Leben gerufen.

Mit den Digitalisierungs- und Innovationsgutscheinen sowie dem Angebot, die Einstellung von Digitalisierungs- und Innovationsassistenten zu fördern, hat das Land unbürokratische und effiziente Unterstützungsangebote für KMU geschaffen. Wie ist die bisherige Resonanz?

Die meisten kleinen und mittleren Unternehmen haben inzwischen die Digitalisierung als wichtiges Thema für sich erkannt – insbesondere mit Hinblick auf den globalen Wettbewerb. Das zeigt sich auch daran, dass unser Programm Mittelstand.Innovativ eine sehr große und weiter steigende Nachfrage erfährt.

Sehr beliebt sind der Digitalisierungsgutschein und der Innovationsgutschein: Im letzten Jahr verdoppelte sich die Anzahl der Gutscheine von 273 im Jahr 2017 auf 544. Für das Jahr 2019 wird ein weiterer Anstieg auf über 600 Anträge erwartet. Die Beantragung ist sehr unbürokratisch und die Bearbeitungszeit ist relativ kurz. Dadurch ist die positive Resonanz der Unternehmen hoch. Schwerpunkte haben wir in den Branchen Produktion und Anlagenbau, in der Informations- und Kommunikationstechnik sowie in der Medien- und Kreativwirtschaft festgestellt. Im Juli dieses Jahres wurde außerdem ein Kriterienkatalog eingeführt, um die Digitalisierung im Mittelstand noch zielgerichteter zu stärken und die Qualität der Maßnahmen weiterhin sicher zu stellen.

Eine weitere Förderlinie ist unser Innovations- und Digitalisierungsassistent, der zum Ziel hat Vorhaben aus diesen Bereichen im Unternehmen voranzubringen und umzusetzen. Auch hier steigt erfreulicherweise die Nachfrage.

Digitalisierung und Innovationen werden zurzeit besonders von Start-ups getrieben und auch immer mehr Konzerne greifen die neuen Methoden und Verfahren zur Entwicklung digitaler Produkte, Dienstleistungen und Geschäftsmodelle auf. Wo steht aus Ihrer Sicht der Mittelstand?

Der Mittelstand in Nordrhein-Westfalen ist auf einem guten Weg. Um die eigene digitale Transformation umzusetzen, kann der Mittelstand allerdings noch stärker vom Austausch und der Kooperation mit jungen kreativen Start-ups profitieren. Das wollen wir beispielsweise durch unsere Hubs der Digitalen Wirtschaft in Kooperation mit den Kompetenznetzwerken des Bundes sowie privaten Initiativen wie Garage 33 und der Founders Foundation sowie durch die NRW.Innovationspartner weiter intensivieren und dazu beitragen, dass innovative Netzwerke in Nordrhein-Westfalen entstehen. Mit dem Digitalisierungsgutschein und dem Digitalisierungskredit ermöglichen wir dem Mittelstand außerdem eine kompetente Beratung und eine schnellere Realisierung ihrer digitalen Unternehmensvorhaben.

NRW verfügt über ein dichtes Netz von exzellenten Universitäten, Hochschulen und Forschungsinstituten. Wie kann die Zusammenarbeit von Wirtschaft und Wissenschaft den Wirtschafts- und Innovationsstandort NRW voran bringen?

In Nordrhein-Westfalen haben wir ein ideales Umfeld für Innovationen. Ein starker Mittelstand, die inhabergeführten Hidden Champions und DAX-Konzerne nutzen die Chancen der Digitalisierung für starke Innovationen und suchen die enge Kooperation mit einer lebendigen Start-up-Szene. Der Umbau eines energieintensiven, traditionsreichen Industrie-Standortes hin zu einem klima- und umweltfreundlichen Industrie- und Dienstleistungsstandort bietet den Unternehmen beste Erfolgschancen. Das zieht weitere kluge Köpfe und mehr Chancenkapital nach Nordrhein-Westfalen. Der Branchenverband Bitkom hat eine Studie veröffentlicht, die zeigt, dass die Mehrheit der befragten Unternehmen Künstliche Intelligenz als eine der Schlüsseltechnologien innerhalb der Digitalisierung sehen – neben Technologien wie das Internet der Dinge, Quantencomputing, autonome Systeme, Blockchain und Cybersicherheit. In diesen Schlüsseltechnologien ist die nordrhein-westfälische Wissenschaft weltweit führend. Zurzeit bauen wir starke Transfer-Netzwerke auf, wie die bereits erwähnte landesweite Kompetenzplattform für Künstliche Intelligenz (KI.NRW). Im Zusammenwirken von Spitzenforschung und Innovation, Unternehmertum und Verantwortung beschleunigen wir den Transfer von Künstlicher Intelligenz in die Wirtschaft. KI.NRW wird ein umfassendes modulares Unterstützungsangebot an Unternehmen bereitstellen, das alle Phasen von der Idee bis zur Lösung abdeckt.

Nicht nur die Zusammenarbeit, auch der Transfer von der Wissenschaft in die Wirtschaft ist ein Ziel, das Landesregierung und Hochschulen verfolgen. Forschungs- und Gründungsexzellenz gehen somit Hand in Hand. Ausgründungen aus Hochschulen bilden einen wichtigen Transferkanal, um Innovationen auf den Markt zu bringen. Im Rahmen der Neuen Gründerzeit NRW wollen wir in den kommenden fünf Jahren die Zahl der Gründungen aus den Hochschulen verdoppeln. Das Land unterstützt deshalb mit 150 Millionen Euro den Aufbau von sechs „Exzellenz Start-up Center“ an Universitäten, die den landesweiten Wettbewerb gewonnen haben: An der RWTH Aachen, der Ruhr-Universität Bochum, der Technischen Universität Dortmund, der Universität zu Köln, der Westfälischen Wilhelms-Universität Münster und der Universität Paderborn.

Die Unterstützung von kleinen und mittleren Unternehmen in Sachen Innovationen, Technologie und Internationalisierung ist seit nunmehr 35 Jahren das Kerngeschäft der ZENIT GmbH. Warum ist das Land NRW zu einem Drittel an ZENIT beteiligt und welche Aufgaben sehen Sie für die nächsten Jahre?

Nordrhein-Westfalen verfügt mit der ZENIT GmbH über eine Innovations- und Europaagentur, die seit 35 Jahren in den Themenfeldern Innovation, Technologietransfer, Internationalisierung und Fördermittelberatung vor allem für kleine und mittlere Unternehmen erfolgreich positioniert ist. Das Wirtschaftsministerium ist zusammen mit dem Netzwerk ZENIT e.V., bestehend aus rund 190 Mitgliedern, sowie einem Bankenkonsortium gleichermaßen beteiligt. Es ist beabsichtigt, die Zusammenarbeit mit ZENIT weiter zu intensivieren – vor allem zur Umsetzung der Innovationspolitik wie beispielsweise durch die Unterstützung bei Innovationsprojekten, die Koordination von Vernetzungsmaßnahmen der relevanten Akteure oder die Betreuung europäischer, transregionaler Aktivitäten.

Homepage des NRW-Wirtschaftsministeriums